• Mandy Gnägi

«Wer, wie, was – wieso, weshalb, warum …

wer nicht fragt, bleibt dumm» sang ich damals laut mit, als die Sesamstrasse über den Bildschirm flimmerte. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, wie keck und schlau dieser Text doch war und wie hoch aktuell bis heute. Nur klingt es in der Arbeitswelt weniger keck. Da heisst es schlicht: «Wer fragt, der führt». Doch warum soll gerade die Person, die nicht klar konstatiert, im Gespräch führen?


Wir erleben von Beginn unseres Lebens an Führung. Durch Eltern, Verwandte, Freunde, Schule, Ausbildung ebenso wie durch unterschiedliche Medien. Diese Bilder und Erfahrungen haben sich in unser Erinnerungsvermögen, also in einem bestimmten Bereich des Gehirns, fest eingeschrieben. Werden Personen auf ihre Rolle als Führungskraft in der Arbeitswelt 4.0 nicht professionell vorbereitet, in der Betriebe aufgrund der schnellen, unvorhersehbaren, komplexen und mehrdeutigen Zeit auf den Einbezug von Mitarbeitenden angewiesen sind, dann greifen sie auf diese Bilder zurück. Sie verhalten sich wie in ihrem Bild. Und dass, obwohl ihnen durchaus bekannt ist, dass alle Menschen sich wertgeschätzt, anerkannt und zugehörig fühlen, wenn sich jemand ernsthaft und aufrichtig für sie interessiert. Egal, ob privat oder beruflich. Im Beruf zahlt sich das nur anders aus: nämlich in Form von wertvoller Informationsquelle für Entwicklung einerseits und loyales Commitment andererseits.


Führen durch Fragen heisst aber nicht nur, seinen Werkzeugkoffer mit einem ordentlichen Repertoire an Fragen und Fragetechniken zu füllen. Führen durch Fragen heisst, sich eine bestimmte Einstellung anzueignen. Einstellungen prägen das Verhalten und das Verhalten zeigt sich – genau: durch zugewandtes Fragen. Und die andere Einstellung, die für das Prinzip von Führen durch Fragen Voraussetzung ist, hat für mich persönlich am klarsten und eindrücklichsten die Kommunikationswissenschaftlerin und Gehirnforscherin Vera Birkenbihl in Form eines Bildes verdeutlicht. Dieses Bild möchte ich für Sie nachzeichnen und Sie einladen, das neue Bild vor alle anderen Bilder zu stellen, die Sie mit hierarchischer Führung abgespeichert haben. Und jedes Mal, wenn Sie nun, privat oder beruflich, Gespräche führen, führen Sie sich dieses Bild vor Augen und betrachten Sie ihr Gegenüber sogar durch dieses Bild, wie durch den Sucher einer Kamera.


Jeder Mensch ist in seinem Verhalten jeden Tag aufs Neue von unzähligen Erfahrungen, Erlebnissen, Momentaufnahmen geprägt. Diese Prägungen und Einflüsse sind oft nicht sichtbar. Dazu gehören nämlich Werte, Vorbilder, Jahreszeit, Eltern, Freunde, Ängste, Verantwortungsbewusstsein, Tagesform, usw. Das, was Menschen zeigen, ist Verhalten. Das Verhältnis von Einfluss einerseits und gezeigtem Verhalten andererseits ist jedoch nicht gleich. Es ist wie bei einem Eisberg: Der überwiegende Teil des Giganten ist unter der Wasseroberfläche verborgen. Das wären im übertragenen Fall Prägungen und Einflüsse. Nur ein kleiner Teil des Eisberges, das erlebbare Verhalten, tritt aus dem Wasser heraus und ist sichtbar. Jetzt kommt das Entscheidende: Begegnen sich Menschen, dann steht jede Person auf so einem Eisberg. Das Miteinander findet auf dem sichtbaren Teil statt, die wahren Beweggründe für Verhalten, Ansichten, Bewertungen, Verurteilungen, Freude, usw. liegen tief verborgen. Sie können sich damit begnügen, bei ihren Gesprächen weiterhin die Oberfläche zu bespielen. Klar. Dann bleiben sie dort stehen, wo sie immer waren, verpassen Erkenntnisse, Entwicklung und erhalten kaum Commitment vom Gegenüber. Sie werden aber auch nicht kritisiert oder werden herausgefordert, Ihre Meinung zu überdenken. Komfortabel, aber auch ein bisschen einsam und langweilig dort, oder nicht?


Was müssen sie tun, um Hintergründe, Beweggründe, Verantwortlichkeiten, Ansichten u.v.m. für bestimmte Themen herauszufinden? Sollten sie noch mehr von sich reden? Noch mehr zementieren, was ihre Meinung ist? Nein, das animiert nicht zum Reden. Fragen Sie. Fragen Sie, damit sie Ihren Eisberg erweitern. Fragen Sie, damit Sie wieder das Staunen lernen. Fragen Sie, damit Sie verstehen, was es noch für Möglichkeiten gibt, die Welt zu betrachten. Fragen Sie solange, bis Sie ein klares Bild haben und geben Sie sich nicht mit dem Blick auf ein Detail zufrieden. Fragen Sie offen: «Was hat dazu geführt, dass Sie in die Buchhaltung gewechselt sind?» «Wie schätzen Sie Ihre Leistungen selbst ein?» «Welche Kriterien sind für Sie die wichtigsten?» «Wenn Sie morgen Geschäftsführer dieses Betriebes wären, was würden Sie sofort ändern und was sollte unbedingt bleiben?» «Inwiefern werden wir alle von den neuen Märkten profitieren?» «Wo findet Ihrer Meinung nach zu wenig Führung statt?» Merken Sie es? Das sind alles offene Fragen, die zum Denken anreden: Was, wo, wie, womit, inwiefern, welche, wessen, woran, wodurch … Stellen Sie kurze Fragen. Immer nur eine. Erfahrungsgemäss antworten Menschen auf kurze Fragen ausführlicher, als wenn sie lange Fragenkataloge erläutert bekommen. Seien Sie mutig. Seien Sie still und hören gut hin: Sie werden staunen, was Sie alles hören werden. Und dann, genau dann hören und verstehen Sie auch den alten Songtext der Sesamstrasse wieder neu und erinnern sich, wie gut und klar der war … «wer, wie, was, wieso, weshalb warum, er nicht fragt bleibt dumm»




linkedin.png
xing.png
twitter.png

© Gnägi Losi Organisationsentwicklung