• Mandy Gnägi

Bleiben? Oder doch gehen?

Das ist eine Frage, die uns Coaches im Business Coaching häufig gestellt wird. Meistens haben die Menschen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, bereits vieles unternommen, um für sich selbst eine Antwort zu finden: Das Pro, also das Bleiben, wurde aufgelistet, um es mit dem Contra, dem Gehen, ins Verhältnis zu setzen. Gespräche wurden geführt, Freunde befragt, in anderen Lebensläufen nach hilfreichen Parallelen gesucht. Egal in welche Richtung das Pendel des Abwägens auch ausschlug, nie waren die Argumente überzeugend genug, eine Entscheidung zu fällen. Was kann dann also im Coaching passieren, was nicht schon durchdacht worden ist?


Es passiert eine Menge. Schon der Umstand, dass zwischen dem Coach und seinem Gegenüber, dem Coachee, eine objektivierte und rein berufliche Verbindung besteht, verändert die Haltung des Coachees. Er zahlt und will ohne Smalltalk, ohne Warten auf den richtigen Augenblick oder erklärende Worte seine Lage ansprechen. Coaches tun keine Gefallen. Ihre Aufgabe ist es, die Coachees mit all ihren Themen, Bedenken und Anliegen ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören. Sie sind verantwortlich dafür, die Coachees zu einem Denk- und Reflexionsprozess einzuladen, wie es Bezugspersonen so nicht können, weil sie eine andere Beziehung zusammen haben, weil sie sich evtl. nicht trauen, weil sie sich verpflichtet fühlen und weil ihnen Handwerkszeug fehlt. All dies ermöglicht es dem Coachee, sich selbst und die Situation in ein anderes Licht zu stellen. Im systemischen Coaching gibt es also kein Gesichtsverlust.


Der Coach sorgt für eine vertrauensvolle und ruhige Atmosphäre, in der er seine Aufmerksamkeit und Konzentration und schliesslich seine Methoden, Tools, Ansätze, Theorien und Werkzeuge sorgfältig wählen kann. Und diese sind vielfältig. Zwei gegensätzliche Persona und mögliche Handlungsweisen sollen hier anhand der Frage, soll ich «bleiben oder doch gehen» vorgestellt werden, um daran Chancen und Grenzen von Coachings vorzustellen. Die eine Persona ist Frau Kopf und die zweite Persona wird Herr Bauch genannt. Frau Kopf ist Kopfmensch: Sie kann sehr dezidiert und präzis die gesamte Ausgangslage und die damit verbundenen Situationen in Gegenwart und Vergangenheit beschreiben. Aufgrund ihrer genauen Beschreibungen meint sie zu wissen, warum sich bestimmte Personen entsprechend verhalten haben. Listen, Vergleichsbeispiele und andere Analyseinstrumente hat sie zur erhofften Klärung beigezogen und kann ihre Versuche dokumentieren. Zukunftsbilder sind gemalt und dennoch ist für sie nichts klar. Herr Bauch ist Bauchmensch. Er findet sich und sein Zögern unglaublich schrecklich. Die Situation schmückt er lebhaft mit vielen Adjektiven aus, die Emotionen versinnbildlichen. Er kann sich in viele Personen einfühlen und glaubt zu wissen, wie enttäuscht alle von ihm sein werden, egal welchen Schritt er gehen wird, und dass man ihn dann nicht mehr mögen wird. Er spricht von Scham, Angst, Verlust- und Existenzängsten und kann kaum mehr einen klaren Gedanken fassen.


Zwei Menschen also, die mit derselben Frage in ein Coaching kommen. Das Bild, was jede Person von sich im Gespräch zeichnet, ist jeweils ein anderes. Und das jeweilige lenkt uns Coaches in unseren Hypothesen, also unseren Vermutungen, was hinter der Entscheidungsblockade stecken könnte. Die Hypothesen veranlassen uns wiederum, bestimmte Angebote zu machen, wie die Persona aus ihrem Zirkulieren herauskommen können. Frau Kopf könnte beispielsweise eingeladen werden, ihrem Kopf mal eine Pause zu gönnen. Erklärt sie sich damit einverstanden, wird stattdessen ihr Bauchgefühl, ihr Herz und das körperliche Empfinden mit unterschiedlichen Materialien, mit Stiften, Papier, Bildkarten, Figuren oder anderem mehr aktiviert. Es ist immer wieder berührend, wie aktiv und gewillt Kopfmenschen sich auf Bauch, Herz und Körper einlassen und zu welchen Erkenntnissen sie, gelenkt durch Fragen, Beobachtungen und weitere Einladungen, für ihren Entscheidungsprozess kommen.


Das Bild von Herrn Bauch eröffnet andere Hypothesen und somit auch ein anderes Vorgehen. Wird von ihm z.B. die Hypothese bestätigt, dass er eine Entscheidung treffen könnte, wenn er wüsste, dass man ihm weder böse sei, noch dass man sich von ihm abwende, dann gäbe es etwa Einladungen, mal die Rollen zu wechseln. Fragen und verschiedene Methoden ermuntern ihn, aus der Sicht anderer Personen sich selbst zu betrachten. Das können direkt Beteiligten sein, wie sein Chef, Kolleginnen oder Kollegen, Freunde oder Eheleute, oder weiter entfernte Personen, die mit der Situation gar nichts zu tun haben. Diese Distanz löst oft ganz neue Sichtweisen auf die gesamte Situation aus. Neben dem Rollenwechsel könnte auch vereinbart werden, dass der Coach für die Dauer der Sitzung die Ängste des Coachee zu sich nimmt: intensiv beschrieben und durch Stellvertreter dargestellt sowie verwahrt, gelingt dann eine sichtbare Wende. Der Coachee atmet tief durch und kann sich, von Emotionen befreit, ganz auf gezielte Fragen, die das Thema betreffen, intellektuell einlassen. Oft wollen die Coachee die Ängste dann gar nicht mehr zurückhaben und es wird vereinbart, wie damit umzugehen ist.


In beiden Fällen hat der Coach die Frage nach dem «Bleiben oder doch gehen» nicht beantwortet. Das bietet systemisches Coaching nicht. In beiden Fällen haben beide Coachees hingegen deutlich erlebt und wahrgenommen, was für sie selbst das Beste ist und welchen Weg sie nun bereit sind, zu gehen. Und das, das kann Coaching leisten.





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© Gnägi Losi Organisationsentwicklung